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Wo Wasser ist, ist Leben

verfasst am 04.09.2018 von Andrea Wimmer, Gerhard Pichler

Schon viele Jahre ist das Sommer Gasshuku des Schweizer Verbandes für traditionelles Shotokan Karatedo (SKISF) ein Fixpunkt für einige österreichische Karateka, allem voran wegen der starken Verbundenheit zu Rikuta Koga shihan, dem Bundestrainer der SKISF. Koga shihan ist nicht nur guter Freund unseres verstorbenen Lehrmeisters Norio Kawasoe shihan, sondern auch ständiger Gasttrainer des österreichischen Sommer Gasshuku.

Schon bei der Anreise leuchteten die Augen aller, sei es aus Vorfreude auf die bevorstehenden Tage oder einfach nur wegen der wunderschönen Natur in den Alpen. Dank den erfahrungsreichen Teilnehmern und ihren organisatorischen Einfällen, wie zum Beispiel Kochgruppen zu bilden, eine für jeden Abend, hielt sich die gute Stimmung über alle Tage hinweg, selbst wenn es irgendwann im gemeinsamen Quartier etwas eng wurde. Es wurde die soziale Reife spürbar, die wohl auch oder nicht zuletzt dem Karatedo geschuldet ist. Ebenso harmonisch verlief der freundschaftliche Umgang mit den Schweizer Trainingskollegen, egal ob beim offiziellen Mittwoch-Abend-Barbecue, beim abschließenden Cocktail-Trinken auf einem Bar-Schiff im Hafen von Locarno am Freitag oder beim Training selbst.

Wenn wir vom Training berichten, dann stellen wir zunächst Bezug zum Titel dieses Artikels her. Es grenzt an Phantasie, an eine unglaubliche Übertreibung, obwohl es sich um die pure Wahrheit handelt. So manches österreichisches Sommertraining ist auch schweißtreibend, ebenso stoffwechselanregend, doch noch nie haben wir derart Vergleichbares erlebt wie in der Schweiz. Da gibt es offenbar einen Temperaturpunkt im Körper eines Menschen, bei dessen Erreichen bisher unbekannte Schalter umgelegt werden, welche verursachen, alles im Leib auffindbare Wasser über die Haut nach außen abfließen zu lassen, vergleichbar mit den Überschussventilen der Staumauer eines Wasserkraftwerks. Und wenn diese Ventile mal geöffnet sind, dann schließen sie nicht so schnell wieder. Nicht zuletzt deshalb, da das Individuum für teils sinnlos erscheinenden Nachschub in Form von literweisem Einfüllen in den ausgetrockneten Mund und Rachen sorgt. Der auf diese Weise erlebte Kreislauf lässt schier unglaubliche acht Liter Getränk einfach so verschwinden, um sie kurze Zeit später in Form von triefend nassen Karateanzügen und Pfützen auf dem Hallenboden wieder sichtbar zu machen. Doch wer glaubt, diese Anstrengung ist kaum auszuhalten, der irrt. Die Erkenntnis, dass der Körper funktioniert und selbst nach der x-ten Wiederholung seinen Temperaturhaushalt erfolgreich reguliert, motiviert zu weiteren Trainingseinheiten, wieviel Schweiß auch immer den Körper verlässt.

Neben dieser anatomisch, ja beinahe medizinisch interessanten Erfahrung möchten wir es keinesfalls verabsäumen, einiges zu den Trainings zu erzählen. Fünf volle Tage, jeden Tag zwei Mal zweieinhalb Stunden Training, mit Ausnahme einer Pause Mittwochnachmittag, aber auch nur für jene, welche nicht am Locarno-Cup teilnahmen. Jeden Morgen startete die Kumite-Einheit (Partnerübungen) um 8:30 Uhr in einer Hälfte der Halle, während in der anderen Hälfte ein Instruktoren- und ein Schiedsrichterkurs abgehalten wurden. Nach einer Stunde Kihon- (Grundschul-) und Kumite-Übungen und einer kurzen Trinkpause ging es mit dem Hauptteil des Trainings weiter, ganz in traditioneller Manier und mit wechselnden Trainern. Neben Koga shihan und Toni Racca sensei kümmerten sich zwei japanische Gasttrainer um unser „Wohl“, nämlich Toshio Yamada shihan und Daizo Kanazawa sensei, der ältere Bruder von Fumitoshi Kanazawa sensei. Grandiose Übungen und Erklärungen zu Kihon, Kata (Form) und Kumite führten kurzweilig durch jede Einheit. Der gleiche Ablauf wiederholte sich am Nachmittag ab 16 Uhr. Die umfangreichen Trainingserfahrungen, egal ob mit einem für uns neuen Trainer wie Kanazawa sensei, der übrigens eine seinem Bruder sehr ähnliche, überaus freundliche und motivierende Art zu unterrichten hat, oder mit einem der anderen „altbekannten“ Trainer, wurden dabei von Geist und Körper aufgenommen wie Nahrung, die gespeichert werden möchte, um noch lange davon zu zehren. Das konnten auch keine Blasenbildungen an den Fußsohlen verhindern, ebenso wenig wie kurze, teils hartnäckige Phasen von Muskelkrämpfen, welche schnell mit Magnesium bekämpft wurden, um sofort wieder beim Training dabei sein zu können.

Der bereits erwähnte Locarno-Cup am Mittwoch war für die Erfahrenen vermutlich eine bekannte, unspektakuläre Geschichte. Für uns Neulinge war es ein aufregender Wettkampf, welchen wir als Zuschauer nicht missen möchten, hatte sich doch der Großteil der österreichischen Delegation zum Cup angemeldet. Das Daumendrücken und im Geiste mitkämpfen lohnte sich jedenfalls, denn Leon Nussbaumer (Dojo Henndorf) holte beide Nachwuchstitel, Kata und Kumite, und wurde somit zum Cupsieger. Florian Schnitzinger (Dojo St. Georgen) schaffte bei den Erwachsenen den dritten Platz in Kata und kämpfte sich dann Runde für Runde im Kumite-Bewerb voran, bis er sich schließlich in einem spannenden Finale den Sieg holte. Auf die Frage, wo er denn diese mentale Stärke hernimmt, meinte er trocken: „Wenn du es ins Finale geschafft hast, kannst du davon ausgehen, dass du dich nicht so schlecht angestellt hast - der Rest ist Kopfsache.“

Für ein besonderes Highlight sorgte Sabahudin „Braco“ Catic (Dojo Wien), der kurz entschlossen als ältester Kämpfer ebenfalls am Turnier teilnahm. Er konnte zwei Runden lang seine Gegner souverän in Schach halten und mit Kontertechniken die Kämpfe für sich entscheiden, was uns zu einem langen Applaus und anerkennenden Gratulation bewegte. Bei den Damen ging es ebenso ordentlich zur Sache. Nach den spannenden Kata-Bewerben auf hohem Niveau wurden wir Zeugen einer Eigenschaft, die für Kumite ganz besonders wichtig erscheint: sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen und voll konzentriert zu bleiben. So konnte Vera Paar (Dojo Henndorf) den Vorrundenkampf gegen eine Israelin trotz einiger Hürden letztendlich für sich entscheiden. Die anschließenden Begegnungen, sorgten abermals für Nervenkitzel bis in die Finalkämpfe. Svenja Rainer (Dojo Wien) konnte sich bis zum Schluss hervorragend behaupten und holte sich den dritten Platz.

Freitagabend, nach der letzten Trainingseinheit, ließen wir bei einem Spaziergang durch Locarno die Woche Revue passieren und gaben uns gegenseitig Recht, dass die Zeit wie im Flug vergangen ist. Das Treffen mit den Schweizer Trainingskollegen kam uns sehr gelegen, um einige Augenblicke noch etwas länger festzuhalten, zu diskutieren und abzuspeichern. Der Wert dieser Veranstaltung ist weitaus höher, als man zunächst realisiert. Und eigentlich will man gar nicht mehr weg, sondern am nächsten Tag gleich weitermachen...

An dieser Stelle soll noch ein Dank an Kawasoe shihan ausgesprochen werden; dass er uns mit jahrzehntelangem, unermüdlichem Einsatz diesen Weg gezeigt hat. Und danke an die große, Grenzen überschreitende Karatefamilie, dass sie so zusammenhält und den Weg weitergeht. Oss.